A Bards Tale

a_new_bard_in_town_by_dan_the_bard-d600tzx

Kommen Sie nur herein, ich hatte Sie bereits …

Was muss ich da sehen, Khalo?!

Gefesselt und geknebelt bringst du mir unseren Gast? Was hatte ich dir aufgetragen? Das etwa? Nein! Die Augen solltest du ihm verbinden und ihn dann hierher zu mir führen. Nun steh nicht da herum wie erstarrt und halt Maulaffen feil. Was du jetzt tun sollst? Bei den Göttern, manchmal glaube ich, dass unter dem riesigen stoppeligen Ding, das du deinen Kopf schimpfst, nichts anderes als ein Vakuum zu finden wäre … was ein Vakuum ist, willst du wissen? Vergiss es, dass verstehst du ohnehin nicht, da kannst du dir noch stundenlang mit deinen vor Dreck starrenden Fingernägeln am Schädel kratzen, wie du möchtest …

Khalo, ich warte! Worauf? Herrgott, erlöse unseren Gast endlich von seinen Fesseln, damit der Saft des Lebens aus seinem hochrot gefärbten Gesicht wieder zurück in seine blutleeren Hände fließen kann! Er wird sie noch brauchen. Und nimm ihm endlich den Knebel aus dem Mund, bevor er mir noch erstickt, so wie er gerade am würgen ist. Ich hoffe, du hast wenigstens ein unbenutztes Taschentuch von dir benutzt. Nein, ich denke, die Augenbinde schafft er nun auch ganz allein …

Ihr müsst mir verzeihen. Ich entschuldige mich tausendmal für Khalo. Gute Bedienstete sind in diesen Zeiten nur schwer zu finden, doch sie zu halten, ist noch viel schwieriger. Khalo war einst Rekrutierer bei der königlichen Marine. Ihr wisst schon, die Sorte von Mann, die viel versprechende Subjekte unten in den Hafentavernen zunächst betrunken macht und dann dafür sorgt, dass sie erst auf hoher See wieder zu sich kommen, wo sie die nächsten Jahre mit dem schrubben des Decks oder anderen niederen Tätigkeiten beschäftigt sind. Wenn sie nicht gerade über der Reling hängen und sich die Seele aus dem Leibe kotzen. Manchmal zückte er auch seine kleine Keule, um in dunklen Gassen Überzeugungsarbeit zu leisten, aber seid versichert, die Zeiten sind schon lange vorbei. So ist es doch, Khalo, nicht wahr?

Lasst Euch von seiner riesigen Gestalt und seinen immensen tätowierten Muskeln nicht täuschen. Im Grunde seines Herzens ist er so sanft wie ein Lämmlein und tut keiner Fliege etwas zuleide, außer man trägt es ihm auf. Ich gebe zu, er ist nicht ganz die hellste Kerze am Leuchter, doch dafür kann er ja nichts …

Warum Ihr hier seid?

Khalo, das Schreiben! Hast du ihm etwa nicht den Brief gegeben, bevor du ihn wie einen Schmorbraten verpackt unter deinem verschwitzten Arm hierher getragen hast? Nein, mein Bester, du solltest ihm den Brief vorher geben, nicht erst, wenn er hier mit dir ankommt. Noch einmal muss ich Euch um Entschuldigung bitten. Sicherlich wäre die Reise für Euch etwas komfortabler vonstatten gegangen, wenn Ihr vorher gewusst hättet, warum Ihr dem ungehobelten Klotz dort begleiten solltet. Jetzt seid Ihr leider nicht in den Genuss meiner wohlfeilen Worte gekommen, die Euch ohne Umschweife mein Anliegen erklärt hätten, welches, das hättet ihr sogleich bemerkt, nicht ohne Grund auch das Eure ist …

Nein, Khalo, jetzt brauchst du ihm den auch nicht mehr zu geben. Hier, nimm diesen Goldflorin und mach dir einen schönen Abend in der „Eisernen Krone“. Versaufe, wenn möglich, nicht gleich das ganze Geld. Es reicht schließlich aus, um mindestens drei Männer mehr als betrunken zu machen. Ich werde die Nacht hier verbringen und erwarte deine Ankunft dann morgen früh beim ersten Hahnenschrei. Das ist eine Redensart! Ich weiß auch, dass es in der Stadt keine Hähne mehr gibt. Sonnenaufgang. Tagesanbruch. Morgendämmerung. Na, dämmert es jetzt auch bei dir? Na endlich. Zumindest gut fangen kann er. Immerhin. Da poltert er dahin, der Grundgute.

Zurück zu Euch, junger Mann.

Setzt Euch doch. Es plaudert sich so schwer im Stehen, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Ich habe einen bequemen Lehnstuhl für Euch kommen lassen, wohl gepolstert, wie ich selbst feststellen konnte, als ich zur Probe darauf Platz nahm. Auf dem kleinen Tisch daneben liegen Papier, Tintenfass und Federkiel für Eure Notizen. Und die Karaffe mit Wein ist Euren Augen sicherlich auch nicht entgangen. Eine kleine Erfrischung für zwischendurch. Schenkt Euch ruhig ein und kostet davon. Ihr werdet sehen oder besser schmecken, dass er mehr als gut ist. Ich wage sogar zu behaupten, dass selbst unser König in seinem vorzüglichen Weinkeller keinen besseren Tropfen auftreiben könnte. Woher ich das weiß? Nun, diese Flasche stammt aus besagtem Keller. Woher ich sie habe? Geschäftsgeheimnis, doch soviel sei verraten, ich habe so meine Quellen für außergewöhnliche und begehrte Dinge. Keine Angst, er wird sie nicht vermissen. Nur zu, trinkt unbesorgt, aber seid gewarnt. Der edle Tropfen steigt schnell zu Kopfe und vernebelt die Sinne, die ihr noch brauchen werdet.

Kommen wir nun zu dem Grund Eurer Anwesenheit an diesem nicht gerade anheimelnden Ort, von dem ich Euch nicht verraten werde, wo er genau liegt. Die Augenbinde hatte schon ihre Berechtigung. Morgen früh, wenn Khalo hoffentlich einigermaßen nüchtern hierher zurück kehrt, wird er Euch erneut die Augen – und ich verspreche feierlich: nur die Augen – verbinden und Euch auf zivilisierte Weise genau wieder dorthin eskortieren, von wo er Euch so unsanft entführt hat.

Ich weiß genau, wer Ihr seid und was Ihr in den letzten Wochen so getrieben habt. In meinem Metier muss man heutzutage seine Augen und Ohren überall haben, und wo dies nicht möglich ist, braucht es Leute, die dies für einen tun. Ich habe genau verfolgen können, dass Ihr überall Fragen gestellt  und selbst um Einsicht in die königlichen Archive gebeten habt. Keine schlechte Idee, doch ihr hättet dem guten Malachias im Archiv besser mehr als die 100 Silberflorins anbieten sollen, dann hätte er Euch nicht nur unnützen Schund zu durchsehen gebracht.

Hat es Euch denn nicht gewundert, dass Euch so viele Türen verschlossen blieben, dass keiner Eure Fragen beantworten wollte? Nun, das hat mehrere Gründe. Zum einen gibt es kaum noch Menschen, die besagte Fragen beantworten können, außer Ihr möchtet mit dem alten Kliff vorlieb nehmen, der wohl behütet im St. Parsley Krankenhaus für Geisteskranke seinen absehbar recht kurzen Lebensabend verbringt.

Oh, natürlich hat der gute Kliff auch mal seine wachen Momente, doch darauf solltet Ihr nicht hoffen, denn die sind äußerst selten. Die meiste Zeit verbringt er brabbelnd und sabbernd damit, seine eigene Scheiße an die Wände zu schmieren, wobei er durchaus kreativ zu Werke geht. Ich habe es selbst gesehen, auch wenn ich es aufgrund des unglaublichen Gestanks kaum mehr als fünf Minuten in seiner Zelle ausgehalten habe.

Dann gibt es noch die Menschen, die Euch durchaus eine Antwort geben würden, wenn sie es nur wollten. Tun sie aber nicht. Unsere verehrte Königin ist eine von ihnen und sie würde sich lieber die Zunge abbeißen oder den Kopf des Fragestellers fordern, bevor auch nur ein Wort über die damaligen Ereignisse über ihre süßen Lippen kommt. Sie wird nicht gerne daran erinnert und reagiert deshalb sehr ungehalten, was sonst gar nicht ihre Art ist.

Schlagt Euch diesen Weg also lieber aus Eurem hübschen Kopf, wenn  er sich nicht unversehens von Eurem Körper abgetrennt in einem Weidenkorb wiederfinden soll. Es wäre wahrlich schade darum. Hmm? Ich sagte doch bereits, ich habe meine Quellen. Habt Ihr mir nicht zugehört? Das solltet Ihr aber, denn ich werde das, was ich Euch erzählen will, nur einmal sagen. Genau einmal.

Ihr wollt doch wissen, was damals wirklich geschah? Die Wahrheit, entkleidet von all den Mythen und Legenden, die sich im Laufe der vergangenen Dekaden wie eine dunkle Patina um sie herum gelegt hat, sodass ihr Strahlen letztlich einem dumpfen Glanz gewichen ist, der mehr verbirgt als enthüllt?

Es sind tatsächlich nur noch wenige Stunden, bis sich die Ereignisse, die damals beinahe zwei Königreiche in Aufruhr und Chaos stürzten, sich auf den Tag genau zum zwanzigsten Mal jähren. Viele Gerüchte haben seither die Runde gemacht, viele Halbwahrheiten und Lügen regen seitdem  die Fantasien und  Ängste der einfachen Menschen draußen auf den Feldern, in den Städten und sogar in den Palästen des neuen Adels an. Aus Gerüchten entstanden Mythen und aus diesen formte das einfache Volk eine Legende, der man auch heute noch unwidersprochen Glauben schenkt, ganz gleich, ob auch nur ein Funken Wahrheit in ihr steckt oder nicht.

Ich persönlich schenke dieser Legende, die im Laufe der Zeit immer größer und unglaubwürdiger geworden ist, nicht einmal ein müdes Lächeln, denn ich weiß es besser. Ihr werdet bald erfahren, warum. Die Ereignisse von damals sind besser bekannt unter dem Namen, der ihnen später verliehen worden ist: Der Totenschmaus. Eine recht makabere Bezeichnung, wenn man bedenkt, dass es an jenem Tag ursprünglich um die Vorbereitung einer Hochzeit ging, welche die seit Urzeiten schwelenden Auseinandersetzungen zwischen unserem und dem benachbarten Königreich endgültig beilegen sollte, bevor der kalte Krieg aus Aufrüstung und gelegentlichen Scharmützeln diesseits und jenseits der Grenze in einen heißen Krieg mit unzähligen Toten münden konnte.

Dem sogenannten Totenschmaus entkamen am damaligen Sonntag nur eine handvoll Personen, darunter, wie ich schon vorhin erwähnte, unsere heutige Königin. Auch ihr Gemahl gehörte dazu, neben einigen anderen, deren Spuren sich allerdings im Laufe der Zeit ebenso verwischt haben wie die deutliche Erinnerung an die Geschehnisse jenes Tages, wenn man mal von dem armen Kliff absieht, den das Schicksal recht hart dafür bestraft hat, dass er zur falschen Zeit am richtigen Ort war. Ach ja, und dann gab es noch einen jungen Mann, der ebenso unbedarft und unschuldig zu dem ganzen Elend gekommen war wie die Jungfrau zum Kind. Ein Dieb. Woher ich das so genau weiß? Nun, ich bin dieser Dieb, wie Ihr Euch sicherlich schon gedacht habt.

Bei der Gelegenheit, ich hoffe, Ihr habt nichts dagegen, wenn ich ab nun per Du mit dir werde? Ich bin alt genug, um dein Vater sein zu können und es mutet mir recht seltsam an, mit einem solchen Jungspund wie dir auf diese aus meiner Sicht überholt höfische Weise zu plaudern. Die Zeiten, in denen ich mit solchen wohlfeilen Floskeln den Buckel vor anderen krumm gemacht habe, sind nun wirklich mehr als vorbei und ich habe eigentlich keinen triftigen Grund, warum ich sie gerade jetzt wieder aufleben lassen sollte. Ich sehe, du nickst? Guter Junge, dann fahre ich also fort. Trink ruhig einen weiteren Schluck, solange deine Hände noch so gelassen sind. Ich kann nicht dafür garantieren, dass sie es im Laufe der nächsten Stunden  bleiben werden.

Ich möchte gleich zu Beginn meiner Erzählung festhalten, dass ich nur ein Dieb bin. Ich bin kein Lügner. Das ist äußerst wichtig. Ich habe in meinem Leben unzähligen Menschen das Gold aus den Taschen und die Juwelen von den Hälsen geraubt und – die Götter sind mein Zeuge – ich war gut darin, nein, noch mehr: ich war brillant in allem, was ich tat, um mir das Leben so angenehm zu gestalten, wie es mir nur möglich war. Ich habe jedoch nie wissentlich oder aus Bosheit gelogen, auch wenn man allgemein denkt, dass gehöre ebenso zu meinem Geschäft wie meine flinken Finger. Ich habe nicht gelogen und ich werde es auch jetzt nicht tun. Alles, was ich dir nun erzählen werde, entspricht vollkommen den Tatsachen. Das kannst du mir glauben. Es bleibt dir auch gar nichts anderes übrig, denn ich bin der einzige von den Überlebenden, der überhaupt dazu bereit ist.

Allerdings, bevor ich beginne, dir die ganze ungeschminkte Wahrheit zu enthüllen, sollte ich etwas weiter ausholen. Ich hoffe, meine Ausführungen werden dich nicht allzu sehr langweilen, doch sie sind notwendig, das wirst du später sicherlich zu schätzen wissen.

Sitzt du gut und bequem? Ist die Beleuchtung zu deiner Zufriedenheit? Du musst entschuldigen, dass es nur eine Lampe in diesem Raum gibt. Ich ziehe es vor, noch eine Weile im Dunkeln zu bleiben. Du verstehst bestimmt, dass ein Mann in meiner Position und mit meinem Wissen nicht vorsichtig genug sein kann. Manchmal holt einen die Vergangenheit schneller ein, als einem lieb ist. Womit wir wieder beim Thema wären, nicht wahr?

Die Vergangenheit.

Wie ich schon mehrmals erwähnte, ich bin ein Dieb. Genauer gesagt, ein Dieb von Geburt an, denn noch bevor ich meinen ersten markerschütternden Schrei durch meine ungeübten winzigen Lungenflügel nach draußen presste, sodass mich die Hebamme vor Schreck fast fallen ließ (ein Anblick, der sicherlich amüsant gewesen wäre, hätte man ihn festhalten können), hatte ich bereits meine erste Untat vollbracht. Ich nahm der Frau das Leben, die mir das meine schenkte. Dies ist die einzige Tat in meinem Leben, die ich aus tiefstem Herzen bereue. Ohne Zögern würde ich alles opfern, all mein Gold und übrigen Habe geben, wenn ich sie damit nur wieder zurück holen könnte, doch das ist nur ein frommer Wunsch. Ich vermag es nicht und muss deshalb die  Last der Schuld weiterhin auf meinen Schultern tragen. Und sie wiegt schwer. Nicht nur das. Mit ihrem Tod beraubte ich mich zugleich meiner eigenen Zukunft. Wer weiß, was aus mir geworden wäre, wenn sie nicht im Kindbett ihren letzten Atemzug getan hätte? Vielleicht säße ich dann nicht hier, um dir vom Totenschmaus zu erzählen, sondern zu Hause bei meiner Familie, meinen Kindern. Andererseits könnten ebenso zwei Königreiche seit mehr als zwanzig Jahren in Tod, Anarchie und Chaos versinken und ich bereits dem Gemüse von unten beim wachsen zusehen.

Es ist müßig, darüber nachzudenken, was gewesen wäre. Sie starb und ich hatte ihr das Leben genommen, ohne es zu wollen. Ich nahm es und verlor mehr als jeder andere es sich in seinen schlimmsten Alpträumen ausmalen hätte können. Niemals in meinem Leben würde ich ihre zärtlichen Finger auf meiner Haut spüren, wenn sie sanft über mein Gesicht streicheln; nie den angenehmen Duft ihrer Haare riechen, die dabei mein mein Gesicht bedecken, während sie sich über mich beugt. Die honigleiche Süße ihres Kusses würde ewig meine Lippen meiden und kein einziges Mal mein ganzes armseliges Dasein lang könnte ich das herzliche Lächeln einer Mutter erblicken, die ihr eigen Fleisch und Blut mit Stolz und Liebe in den Augen betrachtet. Vor allem aber, und dies schmerzt mich am meisten, würde ich niemals ihr glockenhelles Lachen hören, welches gerade dann weich von ihren Lippen perlt, in dem sie mir mit leiser Stimme ins Ohr flüstert: „Ich liebe dich, mein Sohn!“.

Von dieser Tat erfuhr ich allerdings erst viel später. Ich wuchs bei einer Frau mit dem Namen Adelmund auf. In Unwissenheit der wahren Umstände nannte ich sie Mutter, obwohl sie im besten Fall nur meine Stiefmutter war. Im Grunde genommen traf noch nicht einmal das zu, denn sie war nichts anderes als eine einfache Amme vom Lande, die zu Fehlgeburten neigte und deshalb ihre stets prall gefüllten Brüste gegen klingende Münze verschachern konnte. Sie war mir gegenüber stets freundlich, schlug mich nie, bedachte mich aber auch nicht mit der Liebe, die ein heranwachsendes Kind gebraucht hätte. Ein zögerliches Schulterklopfen war das ärgste der offen bekundeten Gefühle ihrerseits, auf das ich hoffen konnte.

Ihre ganze Liebe galt zwei anderen Menschen: Kaine und Wulfgar, die beiden einzigen Kinder, die es geschafft hatten, lebendig aus einer ihrer unzähligen Schwangerschaften hervorzugehen. Sie waren Zwillinge, einige Jahre älter als ich, hübsch anzusehen mit ihren blonden Lockenköpfen, den strahlenden blauen Augen und dem immer währenden Lächeln auf ihren pausbäckigen Gesichtern.

Alles nur Fassade.

Hinter ihren Engelsgesichtern verbargen sich zwei Teufel, wie es sie boshafter und gemeiner in unserer Stadt nicht gegeben hat und wohl nach ihnen auch nicht mehr geben würde.

In unserem Viertel, das ganz in der Nähe des Färberviertels gelegen war, weshalb wir bei schlechtem Wind nicht selten nach Pisse stanken, ohne etwas dafür zu können, waren sie unter den Kindern mehr als berüchtigt. Sie waren gefürchtet. Es gab kein Kind, das nicht unter ihren Tritten und Knüffen, ihrem Zerren und Reißen an Zöpfen und anderen Körperteilen gelitten hatte. Sie wurden hinter vorgehaltener Hand nur Pain und Suffer genannt, in der Sprache, die fremde Kaufleute aus einem Land weit über dem Meer zu sprechen pflegten. Schmerz und Leid. Treffender hätte man es nicht formulieren können.

Mich allerdings ließen sie aus einem Grund, den ich lange Zeit nicht kannte, in Ruhe, wenngleich ich es ihren blitzenden Augen ansah, dass sie mich nur zu gerne ab und an so richtig verdroschen hätten. Stattdessen bekamen die anderen Kinder ihre Wut zu spüren. Man könnte meinen, dass sie sich im Laufe der Jahre, in denen wir zusammen aufwuchsen, besserten und friedlicher wurden, aber weit gefehlt. Sie wurden nur schlauer und gerissener. Sie etablierten ein System, welches so perfide war, dass es einem schon fast Bewunderung abverlangte. Statt die Kinder in unserem Viertel weiterhin zu malträtieren und in Angst und Schrecken zu versetzen, boten sie ihnen gegen einen entsprechenden Obulus  Sicherheit gegen sich selbst an. Mit anderen Worten, die Kinder bezahlten in Münzen oder Naturalien meine Brüder dafür, dass diese sie nicht verkloppten. Schutzgeld nannten sie es. Und wehe einer konnte nicht zahlen! Dann statuierten die beiden freudig ein Exempel, das die anderen Kinder so schnell nicht vergaßen.

Adelmund verschloss ihre Augen gegenüber den Taten ihrer Söhne. Ich weiß nicht, ob sie davon wusste oder sie insgeheim billigte, aber wenn eine erboste Mutter mit ihrem übel zugerichteten Kind vor der Tür unserer armseligen Behausung erschien und nach Gerechtigkeit verlangte, so stellte sie sich wie eine Löwenmutter vor ihre Kinder und gab mit unflätigen Worten ihrem Gegenüber zu verstehen, wohin sie ihrer Meinung nach ihre Gerechtigkeit gepflegt stecken könne. Ihre Söhne taten so etwas nicht. Und wenn die beiden dann noch hinter ihrem Rockzipfel auftauchten, mit verschrecktem Gesicht und nassen Wangen, dann begann sogar die erbosteste Mutter an ihrem eigenen Kind zu zweifeln. Nicht selten erfuhr ich am folgenden Tag, das es zu Hause noch einmal Prügel gesetzt hatte, weil man falsch Zeugnis gegen diese beiden Engel abgelegt hatte. Es war eine seltsame Welt, in der ich aufwuchs.

Eines Tages geschah etwas, das mir  die Augen öffnen sollte. Ich war acht oder neun Jahre alt, als ich früher als sonst nach Hause kam. Ich hörte Stimmen in der kleinen Stube und drückte mich in die Ecke des kleinen Flurs, die der Tür zur Stube am nächsten war. Adelmund mochte es nicht, wenn man sie bei Gesprächen unter Erwachsenen störte, vor allem nicht, wenn es sich dabei um geschäftliche Unterredungen handelte.

Vorsichtig lugte ich durch einen Spalt in der Tür und erblickte einen Fremden, den ich bis dahin noch nie gesehen hatte. Er war groß und hatte dunkles Haar, in das sich schon das Silber des Alters mischte. Er war gut gekleidet, soweit ich das von meinem Blickwinkel aus sehen konnte. Solch ein gutes Wams und Mantel trug ansonsten nur der Pfaffe in unserem Viertel, wenn er sich denn mal unter seine Schäfchen verirrte. Die Schuhe des fremden glänzten, ebenso die breite goldene Kette, die er über der Brust trug. Nicht minder funkelten die Edelsteine an seinen Fingern, die in fette goldene Ringe gefasst waren. Gerade griff er in den Innensaum seines mit Pelz besetztem Mantels. Von dort zauberte einen samtenen schwarzen Beutel mit silberner Kordel hervor, der prall gefüllt war und dessen Klimpern sogar bis an meine Ohren drang.

Meine Neugier war geweckt. Wer war der Fremde? Warum war er hier und vor allem, warum drückte er meiner Mutter nun diesen Beutel in die Hand?

Ich beschloss, obwohl mir das Herz bis zum Halse pochte aus Angst, ich könnte entdeckt werden, die Tür noch weiter zu öffnen. Vielleicht hörte ich dann etwas interessantes. Und so war es auch.

„Frau Adelmund,“ sprach der Fremde,“ ich hoffe, ich kann weiterhin darauf vertrauen, das Ihr Stillschweigen über unsere Vereinbarung halten werdet?“

Mutter nickte nur eifrig, während ihr Blick wie Pech auf dem Beutel haftete.

„Es soll auch Euer Schaden nicht sein. Ich werde nächstes Jahr zur selben Zeit zurück kommen und dann gibt es auch einen weiteren Beutel von mir, genauso im Jahr darauf, solange, bis ich von Euch zurück fordere, was ich einst in Eure Obhut übergab. Wir verstehen uns?“

Noch heftigeres Nicken. Wenn es sogar meiner Mutter die Sprache verschlug, und das wollte schon was heißen, dann musste der Inhalt des Beutels unübertrefflich sein. Ich zuckte zusammen. War da ein Geräusch hinter mir gewesen? Kamen gar Kaine und Wulfgar gerade zurück? Ich ging lieber auf Nummer sicher und stahl mich geräuschlos auf die andere Seite des Flurs, sodass ich hinter der Tür im Dunkeln verschwand. Keinen Augenblick zu früh, denn es geschah gleich zweierlei. Zum einen wurde die Vordertür aufgerissen und meine beiden Brüder stürmten herein. Zum anderen machte sich der Fremde just in diesem Augenblick auf den Weg und stieß die Tür zur Stube soweit auf, dass ich dahinter vollends mit der Dunkelheit verschmolz und zugleich nicht den Blicken der Zwillinge ausgesetzt war.

Kaum hatte der Fremde das Haus verlassen und Wulfgar und Kaine die Stube geentert, da traute ich mich wieder hervor, öffnete laut die Haustür und ließ sie so laut ins Schloss fallen, als wäre ich selbst gerade erst nach Hause gekommen. Adelmund musterte mich zwar misstrauisch, doch sie schöpfte keinen Verdacht. Wahrscheinlich nahm sie an, dass mein fleckiger Teint und die hochroten Ohren, die mein Lauschangriff mir beschert hatten, auf einen weiteren Streit mit einem anderen Kind im Viertel zurückzuführen war, von denen ich zu der Zeit nicht wenige hatte.

Vorsichtig und unauffällig ließ ich meinen Blick durch die Stube wandern, doch so sehr ich mich aber auch bemühte, den schwarzen Samtbeutel mit der silbernen Kordel konnte ich nicht mehr erspähen. Vermutlich hatte sie ihn rasch in einem ihrer geheimen Verstecke deponiert, von denen es im Haus unzählige gab und von deren Existenz noch nicht mal meine Brüder einen blassen Schimmer hatten.

Was aus meinen Brüdern und Adelmund geworden ist? Wollt ihr das wirklich wissen? Nun gut. Adelmund geht heute wahrscheinlich nicht mehr ihrer Tätigkeit als Amme nach, schließlich dürften ihre Brüste inzwischen so schlaff und leer sein wie ein undichter Weinschlauch. Ich weiß nicht, wo sie ist, aber wenn ich eine Wette auf sie abschließen müsste, so würde ich auf eine dreckige Gasse in irgendeiner Straße tippen, wo sie ihre verschrumpelten kleinen Hände empor streckt und um Kupfermünzen bettelt.

Bei Wulfgar und Kaine liegt die Sache anders. Da weiß ich ganz genau, wo sie sich gerade aufhalten. Zur Zeit genießen sie beide den Luxus

einer dunklen ungemütlichen Zelle im tiefsten Kerker des Königs, während der Scharfrichter bereits liebevoll das Fallbeil schärft. Mitleid? Nein, Mitleid habe ich nicht mit den beiden. Es ist ihre eigene Schuld. Sie wären besser bei Schutzgelderpressung geblieben, statt unbedingt in der Hirarchie des Verbrechens aufsteigen zu wollen. Erinnerst du dich an den grausamen Überfall auf eine Filliale der königlichen Bank vor einigen Wochen? Das waren die beiden. Dumm nur, das dabei drei Geiseln ums Leben kamen, doch das Genick brach den beiden letztlich die Tatsache, dass eine der Geiseln niemand anderes war als Master Hyle, des Königs rechte Hand in Finanzdingen, der gerade eine Inspektion der Einlagen in der Filliale vornahm. Der König kann recht nachtragend sein, was solche Belange angeht. Ich denke, wenn du morgen früh wieder zu Hause bist, werden ihre Köpfe bereits auf Lanzen vor dem königlichen Schloss stecken. Sicherlich werden sie dort noch eine ganze Weile eine gute Figur machen mit ihren immer noch blonden, wenn auch weniger gelockten Haaren und ihren blauen Augen. Zumindest bis die ersten Raben ihnen diese auspicken kommen und sich anschließend auch noch über das restliche Fleisch hermachen werden, bis nichts mehr übrig bleibt als blank geputzte Schädel, die allmählich in der Sonne ausbleichen.

Nicht so hastig! Ich sagte doch, der Wein ist stark und deine Hände zittern ja schon jetzt, obwohl ich noch gar nicht richtig angefangen habe. Bist du sicher, dass ich fortfahren soll? Deine Entscheidung.